Ausstellung

KIRCHENFENSTERGEFÜHL

In meiner ersten rein digitalen Ausstellung möchte ich meinen 2019 mit dem Waldeinsamkeitssalon und dem Rotkehlchenkabinett  begonnenen Kunstschau-Ansatz fortsetzen. Statt Bilder umherzureichen oder an der Wand zu enthüllen, kann man nun Links anklicken, und statt des gesprochenen Worts gibt es nun Texte.

Am Anfang stand der Wunsch, meine eigene Version eines Kirchenfensters umzusetzen, und zwar ganz traditionell als Ölgemälde.
Warum Kirchenfenster? Wegen einer alten Backsteinkirche, neben der ich im Sommer 2019 drei Tage verbracht habe. Und wegen des unten abgebildeten Fotos mit dem Blick auf ein Fenster dieser Kirche, das ich immer wieder zur Hand nehmen musste.

Blick in eine Kirche hinein, Foto von EVA

Ein Kirchenfenster wollte ich also malen, dunkel, aber auch hell und farbig, symmetrisch, aber nicht perfekt. Ein Rosenfenster.
Als Kind schon habe ich es geliebt, mit einer runden orangen Plastikschablone perfekte Mandalakonstrukte zu entwerfen. Das Machen war mir wichtiger als das fertige Ergebnis, das meist doch recht leblos wirkte, vor allem, wenn die geometrischen Formen nicht ausgemalt wurden. Aber die Möglichkeiten während des Konstruierens waren wundervoll!

Schattenbild eines Dreihasenkreises auf einer geöffneten Hand. Foto von EVA.Als Erwachsene konnte ich mich für keltische Knotenmuster und Triskelen begeistern, ohne jedoch die Geduld aufzubringen, eigenes präzises Flechtwerk zu entwerfen.
Heute interessiert mich vor allem die Frage:
Wie kann ich das, was mich an symmetrischen Konstruktionen fasziniert, darstellen, ohne selbst zu konstruieren?

Meine 2018 entstandene Tuschzeichnung mit dem Titel Freestyle Celtic Knot war ein erster Lösungsversuch. In der Wirkung womöglich etwas clownesk, und doch …

Für mein großartiges eigenes Kirchenfensterbild wollte ich diesen Weg weiterverfolgen. Mein Ölbild sollte leicht wirken, auf keinen Fall perfekt, aber der Ursprung der Symmetrie und der Regelhaftigkeit sollte noch erahnbar sein.
Ich entschloss mich zu Vorarbeiten und begann mit  Nachempfindungen des fotografierten Kirchenfensters, zuerst mit Bleistift und Knetradiergummi, dann mit Wachsstiften, schließlich mit einem Gemisch aus Kohle, Wachsstiften und Öl.

Kirchenfenstergefuehl, mit Bleistift und Radiergummi nachempfunden von EVA.

Auf Instagram veröffentlichte ich einige dieser kleinformatigen Vorarbeiten unter dem Projektnamen Doodle. Im Nachhinein finde ich den Titel nicht so gelungen, da er zu sehr vereinfacht. Andererseits werden Instagrambilder meist nur für einige Sekunden im Vorüberwischen auf dem Handymonitor angesehen, da passt der Titel vielleicht doch nicht so schlecht! Trotzdem, meine Vorarbeiten sollten mehr sein als Kritzeleien, sie sollten mir einen Weg zeigen zum perfekten Kirchenfenstergekritzel.
Bei meinen kreisförmigen Vorzeichnungen zur eigenen Fensterrose ging es mir wie damals als Grundschulkind: Das Machen begeisterte mich mehr als das Ergebnis!
Außerdem hatte ich bereits damit begonnen, mich mit gotischem Maßwerk zu befassen und fühlte mich besonders zu den im Mauerwerk vieler Spitzbogenfenster erahnbaren menschlichen Gestalten hingezogen.
Wie von selbst wurden meine Vorarbeiten immer größer – und immer farbloser.

Schwarzweissgemälde mit Wachsfarben, Kohle und Oel auf Papier von EVA.

Zwischenruf: Ein Bild in einer Ausstellung kann ich durch einen Schritt vor oder zurück mal so, mal so sehen, beim Betrachten von digitalen Bildern geht das nicht. Ich kann vielleicht ein Bild anklicken und einzoomen, aber das ist nicht dasselbe. Vor allem größere Bilder sind für die digitale Präsentation deshalb nur wenig geeignet.
Und wie wirkt es sich aus, Digitalbilder ohne Spiegelungen im Glas eines Rahmens, ohne räumlichen Hintergrund zu zeigen? Ohne Raum?

Schwarzweissgemälde mit Wachsfarben, Kohle und Oel auf Papier von EVA.Irgendwann wurde mir klar, dass meine Vorarbeiten ein Eigenleben führten. Obiges Bild kam sogar mit einem eigenen Namen daher: Forest Choir. (Waldkathedrale hätte auch gut gepasst!)
Danach hat sich der Wald ganz in den Vordergrund gedrängt. Ein Blick aus einem glaslosen Kirchenfenster?

Schwarzweissgemälde mit Wachsfarben, Kohle und Oel auf Papier von EVA.Dazu fiel mir ein altes Familienfoto aus meinem Rotkehlchenprojekt ein, auf dem ich mit meiner Ersatzgroßmutter zu sehen bin. Ich hoffte, in einem weiteren Kohle-Wachs-Öl-Bild das anrührend Rotkehlchenhafte dieser Frau herausstellen zu können, aber es entzog sich mir und nur ein geisterhaftes Selbstbildnis im clownesk gemusterten Pepitamantel blieb zurück. Ich machte einen zweiten Versuch – und heraus kam das:

Hase, Zeichnung der Hamburger Künstlerin EVA im Format DIN A2

Das geplante Freestyle-Rosenfenster wartet noch! Allerdings weiß ich jetzt: Was mich an meinem Foto der alten Backsteinkirche so angezogen hat, war weniger das Kirchenfenster als solches, sondern mehr die Durchsicht auf das kleine Kirchenfenster und den leeren Stuhl darunter. Die Erinnerung an den Raum und die Stille.
Und beides finde ich im Auge des Hasen wieder.